Christian Hartung - Pfarrer und Schriftsteller Der Zug nach H. Es war der letzte Zug nach H. Es war überhaupt der letzte, der nach H. fahren würde. Planmäßige Abfahrt um sechzehn Uhr dreiundzwanzig und dann nie wieder. Und es würde auch mein letzter Zug sein. Der letzte, den ich beladen würde. Es war mein letzter Arbeitstag. Der Zug nach H. war immer einer der wichtigen gewesen. Mein Vater hatte ihn schon beladen. Zu seiner Zeit war der Zug noch wichtiger gewesen, damals wurden noch viele Pakete, Kisten, Paletten mitgeschickt. Von unserem Bahnhof aus war es überhaupt der wichtigste Zug. Er ging über die Grenze. Damals, als mein Vater ihn belud, machten sie die Grenze allmählich dicht. Schließlich fuhr der Zug gar nicht mehr. Viele versuchten, vorher nach H. zu kommen. Selbst, als die Grenze schon dicht war. Du erkennst sie am Blick, sagte mein Vater, wenn er von damals erzählte. Ein Blick ohne Rückfahrkarte. Ein Blick, der alles gleich überspringen wollte. Aber Züge können nun einmal nicht springen. Sie fahren Meter für Meter. Manchmal halten sie an, auch einfach auf der Strecke. Manchmal werden sie angehalten. Besonders mitten auf der Strecke. So war es jedenfalls damals. Später war der Zug nach H. weniger entscheidend als der Zug, der von H. zurückkam. Wir hatten immer mehr auszuladen als einzuladen und es stiegen mehr aus, wenn der Zug von H. eintraf, als einstiegen, wenn er dorthin abfuhr. Das war die wirklich große Zeit. Sie setzten den Zug täglich ein. Solange die Grenze noch eine wirkliche Grenze war. Die, die kamen und hier ausstiegen, hatten auch keine Rückfahrkarte im Blick. Dieser Blick wollte auch alles überspringen. Aber wenn sie bei uns ankamen, waren sie ja schon gesprungen. Und hatten es geschafft. Das war die Zeit, wo ich anfing: die Zeit, wo die Grenze noch eine wirkliche Grenze war, über die der Zug täglich Pakete, Kisten, Paletten, Menschen brachte, aus H. und von noch dahinter. Wir hatten alle Hände voll zu tun. Der Zug kam am späten Vormittag an und fuhr am Nachmittag wieder zurück nach H. Unser Bahnhof war wichtig und wurde gebraucht. Meine Arbeit war wichtig und wurde gebraucht, und ich war nicht der Einzige. Dann wurden die Reisenden immer weniger, und es wurden auch weniger Pakete, Kisten, Paletten. Es hing mit der Grenze zusammen. Sie war keine richtige Grenze mehr. Überall konnte man sie überqueren. Sie setzten den Zug nur noch an drei Tagen in der Woche ein. Um sechzehn Uhr dreiundzwanzig fuhr er zurück nach H. Der letzte größere Zug an diesen Tagen. Keiner von den ganz großen mehr. Doch die gab es ohnehin kaum noch. Und nun war der letzte Tag. Für uns beide, den Zug und mich. Das sagte ich ihm auch: Unser letzter Tag, sagte ich und legte meine Hand auf die Wand des Gepäckwagens. Dann war es gar kein feierlicher Moment, sondern wie immer, jeden zweiten Tag, dreimal die Woche, wenn der Zug nach H. zu beladen war, mit den immer spärlicheren Paketen, Kisten, Paletten. Menschen kaum noch. Früher hatte ich das Gefühl gehabt, ich sei irgendwie dafür verantwortlich, dass auch die Menschen ordentlich aufgeladen wurden. Das hatte ich von meinem Vater. Man fühlte sich zuständig für die Personen, die ein- und ausstiegen, ob sie diesen Blick ohne Rückfahrkarte hatten oder ob sie mit einem der nächsten Züge zurückkommen würden. Du siehst es ihnen an, sagte mein Vater immer. Sie hatte ganz gewiss einen Blick ohne Rückfahrkarte. Wenn es überhaupt ein Blick mit Fahrkarte war. Wenn sie sich überhaupt entschieden hatte, nach H. zu fahren. Einen Koffer hatte sie immerhin. Einen kleinen Koffer, so einen für das Nötigste; und sie hatte gewiss nicht einmal das Nötigste darin, sie schien gar nicht zu wissen, was eigentlich nötig sein würde, in H. und auch sonst. Der Koffer stand neben ihr, neben ihrem rechten Bein – und gelegentlich auch neben ihrem linken, wenn sie zwei, drei unruhige Schritte gegangen war; einmal stand er auch zwischen ihren Beinen. So war es die ganze Zeit, während ich den Packwagen belud mit Paketen, Kisten, Paletten: der Koffer immer am selben Fleck, mal neben ihrem rechten, mal neben ihrem linken Bein und einmal dazwischen – und sie auch fast nur an einem Fleck, doch dort immer in Bewegung. Anfangs stand sie alleine auf dem Bahnsteig. Sie war die erste Passagierin für den Zug nach H., und schon dadurch fiel sie mir auf. Es war zu früh für die Reisenden, die Wagen mit den Abteilen waren noch geschlossen – der Zug nach H. hatte unverändert während meiner ganzen Dienstzeit die alten Wagen geführt; vor meinen Augen hatten sie so viele Menschen transportiert, nach H. und vor allem von H. zu uns, über die Grenze, als es noch eine richtige Grenze war und der Zug von H. fast die einzige Möglichkeit, sie zu überqueren. Sie war zu früh – doch was hieß früh an diesem Tag. Er hatte schon begonnen mit feuchtem Nebel, der einen frösteln ließ und sich bis zum Nachmittag nicht wirklich lichtete, nur gerade etwas hob: ein schwerer Theatervorhang, voller Staub einer besseren Zeit, den man halb hochgezogen hängen lässt, weil es für niemanden mehr einen Unterschied macht. Ob sie fror, konnte ich nicht erkennen. Sie stand einigermaßen geschützt, hatte natürlich gemerkt, dass sie viel zu früh war, und richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Nachdem sie eine Weile da gestanden hatte, bemerkte ich einen weiteren Reisenden, er stand in größerem Abstand zu ihr. Nach und nach wurden es mehr und damit auch die Abstände zwischen ihnen kleiner. Sie war schließlich umgeben von Mitreisenden. Doch als sie später einstiegen, blieb sie alleine auf dem Bahnsteig zurück. Ich war inzwischen fertig mit dem Verladen der Pakete, Kisten, Paletten – es waren nicht sehr viele gewesen, wenn auch diesmal etwas mehr als sonst, als wollte man es zum letzten Mal ausnutzen, sie mit dem Zug nach H. schicken zu können. Auch Reisende waren es etwas mehr. Es war der letzte Zug nach H. Sie blieb stehen – oder blieb vielmehr in Unruhe und der Koffer stand mal neben ihrem linken und mal neben ihrem rechten Bein, gelegentlich auch dazwischen. Ich hatte nur immer wieder einmal kurz nach ihr geschaut. Nun war ich mit meiner Arbeit fertig. Ich würde nach Hause gehen und nie wieder zum Bahnhof zurückkommen; jedenfalls nicht zur Arbeit. Es war wie bei dem Zug: Er würde auch nie mehr zurückkommen. Und darum blieb ich noch etwas stehen. Ich hatte es mir nicht richtig vorgenommen, zu bleiben, bis der Zug abfuhr, doch irgendwie war der Gedanke plötzlich da. Die Laternen brannten und konnten den Nebel doch nicht richtig durchdringen. Ich würde dem Zug nicht einmal nachschauen können, er würde in den Nebel fahren und rasch von ihm verschluckt werden. So hatte ich Zeit, sie und ihre Unruhe zu beobachten. Es waren jetzt nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Wenn sie nicht bald einstieg, wäre es zu spät. Die Grenze war inzwischen übrigens wieder dicht, dichter als sie es vielleicht selbst zur Zeit meines Vaters gewesen war. Der Schienenstrang würde abgebrochen werden; gleich am nächsten Morgen sollte es losgehen. Es gab keinen Weg nach H. mehr. Dieser Zug war die letzte Möglichkeit. Wenn sie jetzt nicht einstieg, dann war es zu spät. Sie hatte bemerkt, dass ich sie beobachtete, und musterte mich unruhig, schaute rasch über ihre Schulter, dann wieder zu mir, ließ den Blick flüchtig den ganzen Zug entlang gleiten und wandte ihn dann wieder mir zu. Da ging ich zu ihr hinüber. Warten Sie auf jemanden?, fragte ich, als ich bei ihr angekommen war. Ich – nein, nein, eigentlich nicht, antwortete sie, und das mochte ich nun glauben oder nicht, es änderte im Übrigen ja nichts mehr. Der erste Pfiff ertönte. Die Türen schlossen sich. Warum steigen Sie nicht ein?, fragte ich. Ich – ich – dieser Zug fährt nach H., nicht wahr? Ja, antwortete ich. Und er fährt jeden Augenblick ab. Ich – weiß nicht, ob ich diesen Zug nehmen kann. Danach gibt es keinen mehr. Es schien mir notwendig, sie darauf hinzuweisen, obwohl sie es eigentlich wissen musste. Ja, sagte sie nur. Es wurde zum zweiten Mal gepfiffen. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Warum sind Sie nicht eingestiegen?, fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern. Sie schien ruhiger geworden zu sein. Als ob es keinen Grund mehr zur Unruhe gäbe, nun, nachdem der Zug abfuhr. Sie bleiben doch auch hier, sagte sie dann. Ich blickte sie überrascht an. Und plötzlich fiel mir ein, dass ich dabei war, den Moment der Abfahrt zu verpassen. Der Zug, den ich mein ganzes Arbeitsleben lang beladen und entladen hatte wie vor mir schon mein Vater, fuhr aus unserem Bahnhof und ich hätte es fast nicht bemerkt. Gerade noch rechtzeitig wandte ich mich halb um und sah ihm hinterher, sah ihn im Nebel verschwinden, dort, wo das Licht der Laternen nicht hinreichte, sah ihn langsam und allmählich schneller fortgleiten, meinen Zug – es war mein Zug, ich kannte ihn und kein anderer würde ihn je so kennen, jedenfalls nicht auf dieser Seite der Grenze, die nun bald ganz dicht sein würde. Auf der anderen Seite, in H., gab es natürlich auch Leute, die den Zug entluden und beluden. Er würde dort bleiben und fuhr nun vielleicht regelmäßig von H. in das Land dahinter. Ich war einmal da gewesen, war ein einziges Mal mit dem Zug nach H. gefahren und hatte mich dort umgeschaut, einige Stunden nur, die Zeit, in der er entladen und aufs Neue beladen wurde, und hatte es vor allem ungewöhnlich und geradezu beunruhigend gefunden, dass ich ihn nicht selbst entlud und belud, sondern andere, deren Sprache ich nicht verstand, obwohl die Handgriffe dieselben waren und ich sie im Schlaf beherrschte. Durch die Handgriffe hätte ich mit ihnen sprechen können, doch so sprachen wir eben gar nicht miteinander. Ich verließ den Bahnhof nicht, ging nur den Bahnsteig ganz bis zum Ende. Ich glaube, es war recht schön in H. Es war wärmer als bei uns und an den Hängen wuchs Wein. Davon hatte ich erzählen hören – nun sah ich es selbst. Aber es wurde dadurch nicht weniger fremd. Als erzählter Wein war er beinahe passender gewesen. Der Zug verschwand im Nebel, der die roten Lichter des letzten Wagens rasch in sich aufnahm. Ich wandte mich wieder zu ihr um, auch sie hatte dem Zug nachgeschaut. An den Hängen dort wächst Wein, sagte ich. Wein, wiederholte sie leise. Ja. Sie schaute in den Nebel. Sie war jetzt ganz ruhig und hatte fast etwas Ergebenes. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, sagte ich noch. Für mich gab es hier nichts mehr zu tun. Danke, antwortete sie. Ich Ihnen auch. Sie hob ihren Koffer auf und verließ vor mir den Bahnhof. Hätten wir länger miteinander gesprochen, hätte ich ihr freilich sagen müssen, dass der Wein in H. natürlich inzwischen abgeerntet sein würde. veröffentlicht in: Spella 3, 2007 (www.spella.de/wort_6c.html) Rondo Normalerweise umklammert sie ihre Handtasche nicht ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die ein gutes Stück älter sind als sie und wahrschein- lich weniger selbstbewusst, als sie es sonst ist – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer außer Vermutlich ist die Tür hinter ihr wieder zugegangen, denn die einen Moment lang hereindrängende nasse Kälte ist energisch wieder nach draußen getrieben worden von der muffigen Ausdünstung angetrockneter Wintermäntel, der stechenden Luft um die strategisch an den meisten Tischen verteilten einzelnen Raucher und dem aufdringlich gleichgültigen Duft beständig neuen Kaffees, in den sich schwache süße Tortendüfte mischen. Sie drückt wirklich die Handtasche an ihren Körper wie zur Abwehr, doch hier will ihr keiner etwas, weder Schlechtes noch Gutes: Den Kaffee wird sie bezahlen müssen. Dieser Tisch ist ihr zu sehr im Gang; dort wird zu viel geraucht. Da hinten, wo die beiden jungen Frauen jetzt aufstehen – es sind junge Frauen, weil sie entschieden jünger sind als sie, die selber noch nicht so alt ist, dass sie ihre Handtasche Sie nimmt Platz. Den jungen Frauen wirft sie einen letzten verstohlenen Blick zu, doch die sind glücklich mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Die Handtasche – sie würde sie gerne auf ihrem Schoß lassen, denn sie hat sie nicht einfach nur gegen ihren Körper gedrückt, sondern gegen ihre Brust. Sie hat eine Brust. Sie hat sogar noch zwei. Wogegen sie ihre Handtasche – nein, nur wesentlich ältere Frauen würden sie auf dem Schoß lassen, nachdem sie den Mantel ausgezogen, aber die gehäkelte Mütze auf dem Kopf gelassen hätten: Sie hat keine gehäkelte Mütze, also was soll das. Jüngere Frauen dagegen hätten sie über die Lehne gehängt und es wäre in dem kleinen, schicken Täschchen auch nichts weiter gewesen als eine Packung Zigaretten, ein Feuerzeug und ein Schminkdöschen, ein Autoschlüssel. Sie hat kein kleines, schickes Täschchen, sondern eine eher robuste, größere Kunstledertasche, die Platz für die eine oder andere Besorgung hat; heute ist nicht viel mehr als ein Buch drin, das sie im Wartezimmer – aber sie hat es dann gar nicht angerührt, obwohl es lange genug Normalerweise umklammert sie ihre Handtasche wirklich nicht ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die ein gutes Stück älter sind als sie und wahrscheinlich weniger selbstbewusst, als sie es sonst ist – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die nach ihr greifen, die ihr Herz festhalten, was auf der anderen Seite vielleicht gut ist, damit es nicht zerspringt. Wenn sie die Handtasche auf den Stuhl neben sich stellen würde, könnte sich niemand neben sie setzen. Doch sie behält die Handtasche noch auf dem Schoß und versucht sich auf die Karte in dem braunen abgegriffenen Plastikumschlag zu konzentrieren, dabei ist es ihr im Grunde völlig egal, der Kaffee wird sowieso nicht schmecken, Kuchen bekäme sie erst recht keinen hinunter, vielleicht eine heiße Schokolade Sie saß sehr aufrecht und eher auf der Vorderkante ihres Stuhls, hatte die Hände auf das Tischchen gelegt, und wenn sie vergaß so auszusehen, als käme sie regelmäßig hierher wie die Tante vermutlich, dann schaute sie mit großen Augen in diesen besonderen Raum, in dem sie heiße Schokolade wie die erwachsenen Frauen aus einer richtigen Kaffeetasse trinken würde, in dem sie nun tatsächlich genauso bedient wurde wie die Frauen an den anderen Tischen, wie die Tante; sie war jetzt also eine «Kundin», auch wenn das Stück Torte so aussah, als würde sie höchstens die Hälfte davon schaffen, aber wahrscheinlich war es nicht erlaubt, die andere Hälfte in die Papierserviette einzuwickeln und mitzunehmen: Es würde gerade in ihr neues Handtäschchen passen, das rot glänzend von ihrer Stuhllehne hing und in dem Mausi die besondere Ehre genoss, sich an diesem Ausflug beteiligen zu dürfen, auch wenn er aus seinen Knopfaugen nichts davon sah, weil die Tasche zu war, doch er war eben das einzige von ihren Tieren, das klein genug war für diese wirklich sehr feine kleine Tasche, die sie gestern zum Geburtstag bekommen hatte. Nachdem sie ihren Kuchen gegessen hatten und sie wie erwartet nur die Hälfte und wegen des besonderen Anlasses ein klein wenig mehr geschafft hatte, holte die Tante aus ihrer Handtasche einen kleinen Spiegel heraus, mit dem sie ihren Mund betrachtete, und einen Lippenstift, mit dem sie kurz das Rot ihrer Lippen nachzeichnete, und schließlich eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug, mit dem sie sich die Zigarette anzündete, die schon nach dem ersten Zug Spuren ihres Lippenstiftes trug. Durch den Qualm lächelte die Tante ihr zu, und sie beobachtete aufmerksam alles und merkte sich, was sich in einer Handtasche zu befinden hatte. Da sie seit gestern selber im Besitz einer solchen war, musste sie das schließlich wissen. Das gehörte zu dem neuen Leben, das sie gerade begann – so wie die heiße Schokolade in den besonderen weißen Tassen dazugehörte. Im Aschenbecher vor ihr sind zwei Zigarettenstummel mit Lippenstiftspuren. Die Bedienung stellt einen leeren, sauberen Aschenbecher hin und nimmt ihre Bestellung entgegen. Die heiße Schokolade wird in einer Kaffeetasse kommen. Im Bedürfnis nach etwas Dauerhaftem hat sie sich sogar ein Kännchen bestellt. Sicher wird es weiß sein. Natürlich könnte sie die Handtasche auf den Stuhl neben sich stellen – schon, damit sich niemand dort hinsetzt; und normalerweise umklammert sie sie wirklich nicht ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die ein gutes Stück älter sind als sie und wahrscheinlich weniger selbstbewusst, als sie es sonst ist – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die nach ihr greifen, die ihr Herz festhalten, damit es nicht zerspringt: Doch das wird es nicht, es ist wie in Beton gegossen, die Schläge müssten von außen meißeln, wenn sie durchkommen wollten Zu weit, sie war zu weit geschwommen, sie hatte das unter- und sich überschätzt, ihr Herz schlug heftig, als ob es ihren Körper ausdehnen wollte, ihm einen Weg meißeln in diesem plötzlich zu großen, zu tiefen, zu dichten, zu schweren, zu starken Meer, das sich nicht mehr um sie herumschmiegte oder vor ihr teilte, sondern ihr auf die Kehle drückte; die Beine wurden ihr schwer – vielleicht wuchs ihr schon ein Fischschwanz und würde sie in Gott weiß welche Tiefen hinabziehen und hinaus, vor allem hinaus; noch sah sie ja das Land, sie konnte sogar noch ihre Tasche als kleinen Punkt erkennen, tröstete sie sich, innerlich verzweifelt lachend: Doch die Tasche war schon zu klein, um beruhigend zu wirken – aber noch zu nah, als dass sie sich dem Sog der unendlichen Masse hingeben konnte, die vor ihr und vor allem unter ihr schwer und kühl ihrem ganz eigenen Gesetz gehorchte – es war nicht ihr Gesetz: Sie holte tief Luft und nahm entschlossen den Weg zurück zur Küste auf, wo mit der bunten Stofftasche der größere Teil ihres Lebens auf sie wartete – Es ist tatsächlich der größere Teil gewesen, der etwas größere Teil seitdem. Die heiße Schokolade steht schon vor ihr, und sie hat versäumt, gleich zu zahlen. Es ist eine weiße Kaffeetasse, dickes Steingut mit einer ein wenig plumpen Rüschen- und Rosenverzierung, im gleichen Stil der Knopf auf dem Deckel des Kännchens. Sie nimmt einen Schluck und versucht sich einzureden, dass er sie innerlich aufwärmt, zumindest so, dass sie nun doch endlich die Handtasche auf den Stuhl neben ihr – denn wirklich umklammert sie sie normalerweise nicht ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die ein gutes Stück älter sind als sie und weniger selbstbewusst als sie sonst – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die ihr Herz festhalten, es wie Beton umklammern, die Schläge müssten von außen meißeln, wenn sie durchkommen wollten – sie öffnet die Tasche und findet darin das Buch und – fahrig schließt sie sie wieder Und beruhigte sich, dass sie wirklich alles dabei und im Übrigen das Wesentliche im Kopf hatte, haben musste: Sie hatte gut gelernt, jetzt in den Pausen würde sie auch nichts mehr aufnehmen von all dem, was aus ihren Notizen auch nicht mehr recht zu ihr sprach – nur aus ihrem Kopf, wenn sie es zuließ; sie fasste fester um die Tasche, deren Riemen auf ihrer rechten Schulter lag, und vielleicht hatte sie so fest gefasst, dass er deswegen riss, oder vielleicht war er mürbe geworden von Sonne, Regen, Wind und jahrelangem Gebrauch und vielleicht hatte sie heute Morgen auch zu viel in die Tasche hineingestopft – jedenfalls war sie nicht zu, und sie wurde von dem plötzlichen Reißen des Riemens so überrascht und ihr eiliger Schritt tat sicher ein Übriges, sodass sich alles hinter ihrer rechten Ferse, die gerade abheben und wieder aufsetzen wollte, in heillosem Durcheinander ergoss: Nicht mehr dran zu denken, hier noch rechtzeitig oder überhaupt jemals Ordnung hineinzubekommen, und in wenigen Stunden erübrigte sich das sowieso, außer wenn sie durchfiele – sie würde durchfallen wegen eines gerissenen Riemens an einer alten Tasche: Als sie der nunmehr entleerten verblichenen bunten Stofftasche einen verzweifelten Blick zuwarf, erinnerte sie sich ganz kurz daran, wie sie einmal vor ein paar Jahren eben diese Tasche nicht aus den Augen gelassen und sich daran aufgerichtet hatte, wie sie auf der langsam, viel zu langsam näher rückenden Küste vor ihr allmählich größer geworden war – dann stopfte sie eilig und ungeordnet alles irgendwie hinein, rutschte halb auf den Knien einem besonders weit geflogenen einzelnen Blatt hinterher, sah erst den einen, dann den anderen Schuh, Hosen, Knie, die sich rasch bückten, eine Hand, die das Blatt auflas und ihr reichte, und als sie sich ein wenig aufrichtete, ein lächelndes Gesicht. Wenn sie heute daran zurückdenkt, dann war es ein Kennenlernen wie in einem Film; und ebenso unwirklich erscheint es ihr heute; die Tasche war schuld, sicher wären sie aneinander vorbeigeeilt, wäre sie jedenfalls an ihm vorbeigeeilt, wenn die Tasche nicht gerissen wäre; sie umklammert ihre Handtasche fester und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die ein gutes Stück älter sind als sie und weniger selbstbewusst als sie sonst – dabei gibt es hier gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die ihr Herz festhalten, es wie Beton umklammern, die Schläge müssten von außen meißeln, wenn sie durchkommen wollten – sie öffnet die Tasche und findet darin das Buch und sonst eigentlich nicht viel, nur diesen großen, braunen Umschlag Rasch schließt sie die Tasche wieder und will sie nun doch auf den Stuhl neben sich stellen, schon damit sich im voll besetzten Café nicht noch jemand neben sie setzt, aber dann behält sie sie auf dem Schoß, so vertraut ist ihr der Umschlag noch nicht, dass sie die Tasche mit dem Umschlag darin einfach so neben sich stellen könnte, als wäre nichts, und greift nach der Kakaotasse, bekommt das Zittern in der Hand noch rechtzeitig unter Kontrolle, bevor sie die Tasse hebt, und trinkt einen Schluck, wobei sie sich wieder einzureden versucht, es würde sie innerlich wärmen. Wie im Film. Es kann nur zwei oder drei Abende später gewesen sein, als sie tatsächlich zusammen im Kino saßen, sie hatte ein kleines Ausgehtäschchen bei sich, das sie sich vor ein paar Monaten einmal geleistet, aber bisher noch so gut wie nie benutzt hatte. Warum sie es diesmal dabei hatte, wusste sie eigentlich nicht genau, denn sie ließ es jedenfalls nachher im Kino liegen: Erst im Lokal, das sie danach noch aufsuchten, merkte sie es, als sie irgendetwas aus der Tasche herausholen wollte, doch dann war es ihr auch zu dumm, noch einmal zurückzulaufen; die nächste Vorstellung hatte sicher schon begonnen, außerdem hatte es angefangen leicht zu regnen. Falls das Täschchen an der Kasse abgegeben worden war, konnte sie es auch genauso gut noch am nächsten Tag abholen. Womöglich liegt es heute noch dort. Nein, das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Wie im Film. Sie hat das alles so oder ähnlich schon in manchen Filmen gesehen: Das beweist ihr, dass sie es auch so erlebt haben kann; ein Gefühl dafür hat sie schon seit Jahren nicht mehr. Sie war damals eben nicht genügend ausgerüstet: nur mit einer kleinen Tasche, die sie noch dazu unterm Kinositz liegen ließ. Heute kommt es ihr so vor, als ob alles, was sie bräuchte, sich in dieser Tasche befinden würde. Sie hat es versäumt, danach zu suchen, als noch Zeit dafür war. Unwillkürlich umklammert sie die Handtasche auf ihrem Schoß fester und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich weniger selbstbewusste und jedenfalls etwas ältere Frauen tun – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die ihr Herz wie mit Beton umklammern, die Schläge müssten die Schicht schon von außen durchmeißeln – sie fingert am Verschluss herum und fühlt in ihren immer noch kalten Händen den großen, braunen Umschlag, der sich hinter dem Kunstleder und Metall verbirgt – jetzt sollte sie die Tasche doch endlich auf den Stuhl neben sich stellen, doch sie bekommt es immer noch nicht fertig. Sie hat diese Tasche vielleicht seit einem Jahr. Es ist noch nicht so sehr lange, dass sie überhaupt wieder Handtaschen trägt. In all den Jahren hat sie das nicht gebraucht, weder die schicken kleinen noch die größeren praktischen; da mussten es schon viel größere sein, damit alles hineinpasste, erst Windeln, Kindersachen zum Wechseln, das eine oder andere Spielzeug; später war es dann selbstverständlich, dass sie alles trug, was eben zu tragen war. Sie war die großen Taschen sowieso von früher gewohnt, jetzt trug sie darin eben die Jacken und Pullover, die die Kinder ausgezogen hatten, wenn ihnen zu warm geworden war, halbe Einkäufe und alles, was eben zu tragen war. Es ist noch nicht so sehr lange, dass sie wieder Taschen trägt, in denen nur ihre eigenen Sachen Platz finden. Wenn man diesen Umschlag unter eigene Sachen zählen kann. Dafür ist er eigentlich noch nicht lange genug darin. Außerdem ist er für den Hausarzt. Es ist schon lächerlich, wie sie die Handtasche umklammert und an den Körper drückt wie auf der Furcht vor Räubern, wie es eigentlich Frauen tun, die etwas älter sind als sie und nicht sehr selbstbewusst – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die ihr Herz festhalten, es wie Stahl und Beton umklammern, es kann unmöglich noch schlagen – Energisch stellt sie die Tasche auf den Stuhl neben sich, nachdem sie einen Geldschein aus dem Portemonnaie geholt hat, das bisschen Wechselgeld können sie behalten – sie muss sofort raus hier, und sie stellt die Tasche ab, als wäre sie brennend heiß: Im Grunde ist sie das wohl auch, das, was der Umschlag darin enthält, ist heiß, sie kann es nicht anfassen, nicht fassen, es gehört nicht zu ihr, auch wenn es angeblich um sie geht – sie stellt die Tasche ab, trinkt einen letzten Schluck und steht auf, zieht den Mantel wieder an, nimmt die Tasche noch einmal hoch, nachdem die Bedienung doch schneller kam, als sie dachte; sie nimmt das Portemonnaie noch einmal heraus und steckt eine Mark vom Wechselgeld hinein, nachdem sie den Rest der Bedienung zugeschoben hat – sprechen kann sie nicht – eine Mark kann man immer gebrauchen für einen Einkaufswagen, sie hatte kein Markstück mehr; dann stellt sie die Tasche noch einmal ab, um sich den Mantel zuzuknöpfen, denn normalerweise umklammert sie sie nicht ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern wie andere Frauen, die vielleicht etwas älter sind – und es gibt hier auch gar keine Räuber außer den unsichtbaren Händen, die ihr Herz in Beton gegossen haben und mit Stahl umklammern, dann schafft sie es wie durch einen Nebel irgendwie zur Tür «Hallo!» wie durch einen Nebel «Hallo!» irgendwie zur Tür «Hallo, warten Sie!» irgendwie «Warten Sie, Sie–» Nebel «Sie haben Ihre Handtasche vergessen!» Wenn hier kein Nebel wäre oder in einem Film, da hätte sie jetzt «danke» gesagt oder so etwas; erst als sie die kalte feuchte Luft im Gesicht spürt, merkt sie, dass sie wieder auf der Straße ist; sie umklammert ihre Handtasche ängstlich und drückt sie an den Körper wie auf der Furcht vor Räubern, dabei gibt es hier keine Räuber. veröffentlicht in: entwürfe Nr. 28 (Dezember 2001), Bern (http://www.entwuerfe.ch/entwuerfe28/text5.html)